Donnerstag, 12. November 2009
Trübe Zeiten für die Tartan Army
Der schottische Fußball befindet sich in einer tiefen Krise: Die Nationalmannschaft verpasste erneut ein großes Turnier, war in der WM-Qualifikation chancenlos in der Gruppe mit den Niederlanden und Norwegen. Damit muss WM-Ausrichter Südafrika auf ein großes Spektakel verzichten: Denn die schottischen Fans, besser bekannt als Tartan Army, sorgten immer für viel fröhliche Stimmung und gute Bier-Umsätze.
Auch in Dortmund erinnert man sich gerne an diese lustige Truppe mit dem Markenzeichen Schottenrock. Im September 2003 gab es ein wichtiges EM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Schottland – und schon am Sonntag war der erste Kilt in der Stadt zu sehen.
Einige Innenstadt-Wirte reiben sich heute noch die Hände: Denn immer mehr schottische Fans kamen in die Stadt und trieben den Umsatz in Dortmunds Kneipen in ungeahnte Höhen. Und da sie zwar laut, aber ansonsten friedlich und freundlich sind, waren sie gerngesehene Gäste.



Doch Schottland verpasste auch diese EM. Das war früher anders: In den achtziger und neunziger Jahre waren die Schotten Stammgäste bei Welt- und Europameisterschaften. 1998 spielten sie zuletzt bei einer Fußball-Weltmeisterschaft und verabschiedeten sich in Frankreich wie immer traditionell in der Vorrunde. Es waren kurze, aber heftige Touren für die Tartan Army.

Old Firm-Clubs nicht erwünscht in England
Die Vereinsmannschaften bieten keinen Trost. Undenkbar, dass ein schottischer Provinzklub wie Aberdeen heute einen Europapokal holen würde. 1983 war es, da triumphierte der FC Aberdeen mit dem jungen Manager Alex Ferguson im damaligen Pokal der Pokalsieger. Im Finale besiegten die Schotten Real Madrid, im Viertelfinale scheiterte der FC Bayern am Team von Alex Ferguson.
Schottischer Vereinsfußball – das sind eigentlich nur die Glasgower Großklubs Celtic und Rangers. Celtic war 41mal schottischer Champion, die Rangers holten sogar 52mal den Titel. In der schottischen Liga sind die beiden Rivalen absolut dominant, das Old Firm-Derby zwischen dem katholischen Celtic und den protestantischen Rangers ist mehr als nur Fußball. Doch außerhalb des Derbys regiert die Langeweile und da liebäugeln die beiden Rivalen mit einem Start in der englischen Premier League.
Doch das trifft auf Widerstände: Die englischen Clubs wehren sich gegen eine Teilnahme, der letzte Versuch scheiterte heute. „Der Vorschlag des Bolton-Chairmans Phil Gartside, die Old Firm-Clubs aufzunehmen, sei weder wünschenswert noch durchführbar“, berichtet die Sporting Life.
International laufen sowohl Rangers als auch Celtic der Musik hinterher: Die Rangers sind Tabellenletzter mit zwei Punkten in der Champions-League Gruppe G und kassierten unter anderem eine peinliche 1:4-Niederlage gegen die Rumänen von Unirea Urziceni. Celtic scheiterte in der Champions League-Qualifikation an Arsenal und ist in der Europa League mit zwei Punkten nach vier Spielen schon draußen.



Mittwoch, 11. November 2009
Robert Enke R.I.P
In Deutschland fehlte es nie an guten Torhütern. Einer der aktuell Besten war Robert Enke – war, denn Robert Enke ist tot.
Robert Enke war kein Lautsprecher. In der Öffentlichkeit kam er sympathisch rüber. Wie jemand, dem sein sportlicher Ruhm nicht zu Kopf gestiegen und der mit beiden Beinen auf der Erde geblieben war. Nicht nur ich hatte den Eindruck, dass er die Eitelkeiten und Protzereien des Profi-Fußballs sehr distanziert betrachtete.
Sportlich war Enke ein herausragender Schlussmann. Von den Kollegen, die mit ihm um die Nummer 1 im Tor der Nationalmannschaft konkurrierten, war er vielleicht der Spieler mit der stärksten Strafraumbeherrschung – auch wenn auf dieser Top-Ebene oft nur Kleinigkeiten den Unterschied ausmachen. Doch ob Enke, Adler, Neuer oder Wiese – Fabio Capello, Trainer der englischen Nationalmannschaft, würde jeden von Ihnen mit Kusshand nehmen, wenn er nur könnte.
Sportlich und auch privat verlief sein Leben nicht ohne schwere Rückschläge. Enke begann beim SV Jena Pharm und wechselte bereits 1985 in die Nachwuchsabteilung des damaligen DDR-Oberligisten (und jetzigen Drittligisten) Carl Zeiss Jena. 1996 ging er zum Bundesligisten Borussia Mönchengladbach, wo er am 15. August 1998 beim 3:0-Erfolg gegen Schalke sein Erstliga-Debüt feierte.
Als die Borussia 1999 aus der Bundesliga abstieg, blieb er nicht in Deutschland. Die nächste sportliche Station war der portugiesische Traditionsverein Benfica Lissabon. Dort hieß der Trainer damals Jupp Heynckes.
Bei Benfica überzeugte Enke so, dass ihn 2002 der große FC Barcelona verpflichtete. Bei Barca gab es allerdings den ersten Rückschlag: Robert Enke konnte sich nicht gegen Roberto Bonamo und Victor Valdes als Nr. 1 durchsetzen. Noch schlimmer war es bei Fenerbahce Istanbul in der Türkei: Nach nur einem Spiel kündigte Enke entnervt, weil ihn die eigenen Fans beschimpften.
Erst beim spanischen Zweitligisten CD Teneriffa fand er wieder zu seiner alten Leistung.
2004 holte ihn Trainer Ewald Lienen zu Hannover 96 – und bei den Niedersachsen entwickelte sich Enke zu einem der besten Torhüter der Liga und schaffte den Sprung in die Nationalmannschaft, für die er insgesamt acht Länderspiele machte.
Robert Enke hinterlässt eine Frau und eine Tochter, die sie im Mai 2009 im Alter von zwei Monaten adoptiert hatten. 2006 starb seine Tochter Lara im Alter von zwei Jahren an einem angeborenem Herzfehler.



Sonntag, 8. November 2009
Zenyatta schreibt Geschichte im Breeders' Cup
Der Breeders’ Cup 2009 war das erwartet große Kino. Spannung, Action, Leidenschaft, große Gefühle, Enttäuschungen – alles im Programm bei der inoffiziellen Turf-Weltmeisterschaft in Santa Anita. Ein Fazit: Die kalifornische Rennbahn bleibt ein gutes Pflaster für die Pferde aus Europa, die insgesamt sechs Rennen gewannen und damit sogar die gute Vorjahresbilanz (5 Siege) übertrafen.
Doch für die ganz große Show am Samstag sorgte ein amerikanisches Pferd. Breeders’ Cup Classic, das letzte Rennen auf dem Programm, nach Mitternacht deutscher Zeit. Vorher hakte der Internetstream, der Ton hatte seine Aussetzer – beinahe hätte ich diese Sternstunde des Rennsports verpasst. Dann kam Zenyatta, die unbesiegte amerikanische Stute, die erstmals gegen die Hengste antrat und bei der die Zuschauer schon bei der Vorstellung kreischten. Was dann folgte, war eine Vorstellung von unglaublicher Brillianz und auch etwas für die Historie: Zum ersten Mal gewann eine Stute das Classic.


Unglaublich, aber wahr: Zenyatta überrollt sie alle

Dass Zenyatta so fasziniert, hat viel damit zu tun, wie sie ihre Rennen läuft. „Sie legt zu Beginn eines Rennens ein Tempo vor, das die schlechtesten Pferde in England im Schlaf können“, schrieb am Samstag (sehr frei übersetzt) Racing-Post-Chefkorrespondent James Willoughby in der Vorschau. Am Ende beschleunigt sie allerdings auf eine Art, als wenn sie eine Ausgabe von Usain Bolt auf vier Beinen wäre.
Genau so lief das Classic am Samstag: Zenyatta lag zu Beginn ziemlich hinter dem Feld, arbeitet sich langsam nach vorne und gewann am Ende außen mit unglaublichem Schlussakkord – Ohren gespitzt wohlgemerkt, ohne großen Peitscheneinsatz ihres Jockeys Mike Smith. „Einer der sensationellsten Siege im Breeders’ Cup“, sagt der amerikanische Rennkommentator. „Unglaublich“ meinen die Analysten im Studio. 14 Starts, 14 Siege ist schon eine Ansage.
Und danach rockte die ganze Bahn: Ohrenbetäubender Lärm, Zuschauer halten Zenyatta-Plakate hoch, sie klatschen, schreien und winken. Jockey Mike Smith ist überglücklich, Trainer John Shirreffs weint vor Freude – es ist ein wahrer Triumphzug. Bilder, die man nie vergisst. Wer das Video (siehe oben) noch nicht gesehen hat, gucken und staunen.
Leider etwas im Schatten von Zenyatta blieb die grandiose Leistung von Goldikova, die zum zweiten Mal hintereinander die Breeders’ Cup Mile in Folge gewinnt. Die Stute aus dem französischen Quartier von Freddie Head hat ebenfalls diesen außergewöhnlichen Speed, den nur Ausnahmepferde besitzen. Wie sie in der Mile gegen gute Gegner triumphierte, wie sie ganz außen anrauschte (siehe Video) – auch da stockte der Atem, das war ebenfalls ganz großes Kino.


Goldikova kommt spät, aber gewaltig

Auch sonst bot der Samstag Höchstleistungen und Dramen:
• der zweite Sieg in Folge von Conduit im Breeders Cup Turf
• ein glänzender Frankie Dettori im Juvenile Turf auf Pounced
• ein unglaublicher Sprinter namens California Flag im Turf Sprint, der von Beginn an ein Wahnsinnstempo vorlegte.
• einige dicke Überraschungen.
Da vergessen wir doch einfach mal die Enttäuschungen, speziell die aus dem irischen Ballydoyle-Lager, und die Tatsache, dass meine Wetten am Samstag wahrlich nicht gut waren.
Bei diesen Sternstunden hat das alles keine Bedeutung - auch meine Vorbehalte gegen die mit Medikamenten vollgepumpten US-Vollblüter.